Blog über Magic: the Gathering und Brettspiele

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Legendary Atog #04: magic conventionel

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Geplant zu jedem Anfang des Monats werde ich ein Stückchen Erinnerung herausgreifen und das verbloggen. Dieses wird naturgemäss eine sehr persönliche Geschichte werden, da es meine Erinnerungen sind. Der Inhalt ist nur so gut, wie ich mich noch erinnern kann. Wenn in dieser Erinnerung andere Personen vorkommen, werde ich wie ihr es von mir gewohnt seid, nur die Vornamen aufschreiben. Diese Serie wird sich nicht an einer zeitlichen Reihenfolge orientieren und die Teile werden nicht aufeinander folgen. Die einzelnen Teile werden auch unterschiedlich gross.

Im vorherigen Teil habe ich Michael und Norbert vorgestellt und zusammen mit Thomas, Daniel und mir bildete sich eine private Spielgruppe mit regelmässigen wöchentlichen Terminen. Da wir zu dieser Zeit noch über eine Menge freier Zeit verfügen konnten, waren auch Termine unter der Woche möglich. Während es im letzten Teil zeitlich nicht voran ging, wird sich das in diesem Kapitel wieder ändern. Ich will wieder im Herbst 1994 anfangen, obwohl ich in den letzten Teilen teilweise vorausgegriffen habe. Wir haben so manche Convention mitgenommen in dieser Zeit.

Aber etwas, worauf wir nicht gekommen sind, ist einzuplanen, dass man auf die Essener Spieletage (1994) gehen könnte. Eventuell waren wir auch einen Tag da, ich kann das nicht so richtig einordnen, weil ich mich dafür noch so gut an die Spiel 1995 erinnern kann, aber dazu später mehr.

Utrecht oder auch woanders

Ich weiss nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber es gab ein Magic-Treffen in einer nahegelegenen niederländischen Stadt. Ich tippe auf Utrecht. Diese Convention fand in einer Lagerhalle statt, in der es mehrere Stände gab, wo man Magic-Artikel kaufen konnte und viele Spieltische zum tauschen und spielen. Es gab auch einige Tuniere, wobei wir wegen der nur auf holländisch gefassten Beschreibungen und entsprechender Durchsagen damit nicht zurecht kamen. Ausserdem hatten wir keine turniertauglichen Decks, d.h. wir hatten keine Power.

Meine Erinnerung an diese Con basiert darauf, dass ich bei einem Stand einen Booster italienisch unlimitiertes „Revised“ kaufte und in dem Booster ein Ruota della Fortuna (Wheel of Fortune) war, dass ich sowieso noch suchte. Diese Karte hatte ich lange im Besitz und dürfte sie auch heute noch haben. Seltsam vielleicht, dass ausgerechnet italienisches Produkt eine Sonderbehandlung bekam, aber angeblich soll dies das Ergebnis einer Erhebung gewesen sein, welches Land am besten auf Kartenspiele im TCG-Stil ansprechen würde. Und da gewann Italien eben vor Japan.

Als Artists lernte ich bei dieser Con Kaja und Phil Folio kennen, die beide nebeneinander sassen und ihre comichaften Produkte zeigten. Der ideale Zeitpunkt, um sich Mishra’s Factory von beiden Zeichnern signieren zu lassen. Wegen des ungewöhnlichen Zeichenstils fallen die beiden aus dem Rahmen, mir ins Auge und später auch aus Wizards Artwork-Direktive.

Ausserdem gab es eine Ballustrade, von der aus wir das Finale in einem mit ohnehin wenigen Teilnehmern gesegneten „Iron Man“-Turnier beobachten konnten. Es bildete sich sowieso eine Menschenmenge um die Duellanten, von schräg oben konnte man das besser sehen.

Iron Man, das war eine Turnierform, die sich nicht durchgesetzt hatte. Aus welchem Grund auch immer. Während Stockcar-Rennen in den Niederlanden recht beliebt sind (da fährt man Autos zu Schrott, manchmal auch mit Wohnwagen dran, sehr lustig), ist dieser Gedanke bei Magic-Karten nicht so eingängig. Liegt vielleicht auch am Fehlen der Wohnanhänger.

Neben dem Spieler, dessen Rücken wir sahen, stand eine kleine Kunststoff-Schale mit Flüssigkeit. Jedes Mal, wenn eine Karte zerstört wurde, oder wenn er eine gespielt hat, kam sie in dieses Schälchen mit Wasser und manchmal zerrissen sie auch die Karten. Je nach Wert der zerstörten Karten ging ein Raunen durch das Publikum, am meisten, als er einen Black Lotus versenkte um einen Time Walk zu spielen, den er dann zerriss.
Ich konnte daran nichts finden und fand das eher schockierend.

Für die Rückfahrt stieg Nobby beim Michael ein, weil er noch zur Nachtschicht musste. Obwohl Michael üblicherweise nicht schnell fuhr, konnte er Nobby mit seinem Kadett GSI noch rechtzeitig am Werkstor absetzen. Daniel, Thomas und ich waren im Mercedes etwa eine halbe Stunde später zurück.

Noch was zu „The Dark“

Jedenfalls waren bereits einige Wochen seit dem Erscheinen von „The Dark“ vergangen und dieses Set inspirierte unseren Deckbau. So etwas wie ein „Color Pie“ war zwar schon grundsätzlich vorhanden, aber jedes neue Set probierte etwas aus, möglicherweise auch Dinge, die diese Farbe nicht konnte. Einige Designer schienen der Ansicht, dass die Farben eine andere Funktion hatten, als Gruppen von Vorlieben oder Effekten voneinander zu trennen und daher kam es gerade in „The Dark“ zu vielen Karten, die absolut untypische Effekte hatten. Zum Beispiel bei Blau.

Alphabetisch geht es ja schon bei Amnesia damit los, dass blau bis dahin keine Discard-Effekte hatte, nun aber nach Mind Twist den stärksten Discarder. Mit Mind Bomb theoretisch auch. Apprentice Wizard sorgt für Manabeschleunigung in blau, Ghost Ship regeneriert als blaue Kreatur, Mana Vortex war blaue Landzerstörung und viel stärker als Stone Rain. Aus Mana Vortex baute ich damals ein Casual-Deck, als man noch LD spielen durfte.

Das ging in die Richtung, dass es nicht mehr nötig war, in blauen Decks noch andere Farben einzusetzen. In Konkurrenz zu Serendib Efreet sah der Apprentice Wizard zwar reichlich underpowered aus, war aber trotzdem bei einigen Spielern beliebt. Ich glaube sogar, dass Daniel ihn in einem roten Deck gespielt hat, um an mehr Mana zu kommen, obwohl es dazu auch Mana Flare gegeben hätte.

Ein interessantes Detail an „The Dark“ war, dass es wie Antiquities auch, in 8-Karten Boostern erschienen ist. Während es sich mit Aufkommen des Draft-Formats später eingestellt hat, dass alle Booster 15 Karten enthalten würden, waren die ersten „kleinen“ Sets noch mit dünneren Boostern ausgestattet. Ausserdem gab es keine Rare-Bögen, was uns damals aber nur durch die im letzten Teil genannten Zeitungen bewusst wurde. Effektiv gab es Rares dadurch, dass die Uncommons mehrfach oder einfach vorhanden waren und die „selteneren“ Uncommons ungefähr sowas waren wie Rares.

Nicht nur in Bezug auf das Spiel, sondern auch im Bereich „Trading Card Game“ war noch nicht alles so professionell ausgetüftelt, wie es – auch aufgrund dieser Versuche – später werden würde.

Fallen Empires

Im Rückblick wundert es mich, wie man ein Set so nennen kann. Aber bis auf Arabian Nights, und auch darüber kann man geteilter Meinung sein, waren alle Setnamen relativ generische Begriffe. Flavor gab es zwar in der Story, aber nicht im Produktnamen, der sich immer noch so anhörte, als wäre er mehr eine Beschreibung oder ein Entwicklungsname.

Heute würde man dafür vermutlich eine Welt erfinden, in der ein Königreich untergegangen ist und dann den Namen dieser „Plane“ als Namen für das Set benutzen. Siehe „Innistrad“.

Aber dafür funktionierte bei Fallen Empires das Marketing. Es war uns nun schon vorher bekannt, dass es bald ein neues Magic-Set geben würde. Daher sparte ich nach meinen Möglichkeiten einiges zusammen. Ich weiss nicht mehr, wer mit der Bestellung nachher zum Shop gegangen ist, ich glaube es war Thomas, und ich wollte ein ganzes Display für mich haben.

Das fand ich damals schon eine seltsame Vorstellung. Ein ganzes Display? Nicht nur ein paar Booster – würde ich dann genauso viele Karten wie Norbert (das Vorbild für „Mr. Suitcase“) haben? Aber das war kein Problem, weil Norbert drei Displays geordert hatte und auch Thomas das neue Set ähnlich hoch erwartete.

Es war ein Freitag, als wir uns wieder bei Norbert trafen. Thomas holte Daniel und mich ab, meinte, er hätte die Karten im Kofferraum, aber noch nicht ausgepackt. Das würden wir zusammen beim Nobby machen. Das, was er dann in die Wohnung trug, war ein Pappkarton – ein Case voller Displays.

Beim Aufmachen der Karten stellte sich aber nur selten Euphorie ein. Ein paar Karten erschienen nützlich, wie beispielsweise Breeding Pit, weil man mit Schwarz immer was zum Opfern brauchte, es aber keine vernünftigen Tokenproduzenten gab. Es erschien günstiger zu sein als The Hive. Ein paar der selteneren Karten waren schon ganz nützlich, aber irgendwie war überflüssiger Kartentext ein Thema des Sets. Alles war sehr verklausuliert und kompliziert.
Dazu kam noch, dass die Commons unterschiedliche Bilder hatten, was das Sortieren erschwerte.

In den bisherigen Sets gab es immer interessante Karten, die wir in die Decks packen wollten. The Dark machte es mit Maze of Ith, Fellwar Stone und Tormod’s Crypt auch noch zusätzlich einfach. Aber die Karten aus Fallen Empires waren irgendwie wie von einem anderen Spiel. Das wollte nicht so ganz passen.

Nach den guten Sets bisher war Fallen Empires eine Mega-Enttäuschung. Nobby warf ein verschlossenes Display auf den Schrank um es für später aufzuheben. Ob das aber eine gute Idee wäre, da waren wir schon skeptisch. Das Display lag da mehrere Jahre als Erinnerung an unseren Hype und das „rausgeworfene“ Geld für diese schlechte Edition.

Andererseits entstanden daraus neue Decks und je nach farblicher Präferenz hatten wir auch Decks mit Fallen-Empires-Themen. Thomas baute ein Deck um die Fungus-Kreaturen aus dem Set, die Marken sammelten um Saproling-Token zu bauen. Mein Homarid-Deck verorte ich allerdings zeitlich erst später in Verbindung mit den Cantrips aus Ice Age. Daniel war immer ein Fan von White Weenie und nervte daher mit Hand of Justice. Bei Nobby gab’s nur schwarz und daher Thrulls, wobei seine grösste Sorge war, wie man die zusätzliche Upkeep im Stasis-Deck bezahlen könnte.

Silvester

Für Silvester 1994 hatte Norbert uns zu sich eingeladen (er hatte inzwischen eine eigene Wohnung) und wir sollte auch noch Karten mitbringen. Er hatte auch noch ein paar Arbeitskollegen und andere Bekannte eingeladen. Ohne Rücksicht auf Verluste sollten sie sich aus den restlichen Karten, die auf dem Teppich lagen, noch Decks bauen und mitspielen, obwohl die Magic noch nie vorher gespielt hatten.

Das war eine spassige Sache, soweit ich das aus meiner Perspektive beurteile. Es war aber nicht die richtige Lösung, so Magic zu lernen, wenn man noch nicht mal weiss wie das geht und dann direkt Decks bauen muss. Wenn noch dazu die Hälfte der Karten Fallen Empires ist, mit den komplexen Kartentexten und auch noch auf Englisch… Hardcore eben.

Spelen Spektaklen

Das nächste Spieletreffen fand in Eindhoven statt, in Form des Spellen Spektakel 1995 (aktuell unter spellenspektakel.nl). Für Thomas und Daniel war das zu langwierig, Nobby konnte wegen unglücklicher Schichtplanung gar nicht mitkommen. Also fuhren Michael und ich „alleine“ nach Holland. Dieses Mal mit Michaels neuem Opel Corsa B „Atlanta“ – eine neue Sonderedition wegen olympischer Spiele. Ich stand schon damals nicht auf neuen Autos, aber wenn schon, warum dann nicht den Tigra? Er mochte die Ei-Form des Corsa B. Ich nicht. Das Thema wechselte aber wieder zu Karten, als wir in Eindhoven ankamen.

Aussergewöhnlich war, dass es zum Eintritt einen kleinen Booster mit Karten dazu gab, wobei es eher ein „Starter“ war, der nur etwa fünfzehn Karten aufnehmen kann. Da ich die Verpackung aufgehoben habe, kann ich euch ein Bild davon zeigen.


Die Artworks waren von Melissa Benson, die auch vor Ort war, sodass man sich den Booster signieren lassen konnte. In dem Booster waren verschiedene Promokarten von mehreren Spielen, wie beispielsweise auch „Wyvern“ oder „Rage“. Die Magickarten waren Fallen Empires-Commons, was kein ausreichender Grund war, den überhaupt zu öffnen. Auf den Erfolg von Magic wollten anfangs viele andere Hersteller aufspringen und neue Trading Card Games schossen aus dem Boden wie Pilze, das ist aber einen separaten Eintrag wert.

Weitere Erinnerungen an das Spellen Spektakel habe ich nicht, ausser, dass dort nicht nur Magic gespielt wurde, wie bei dem Treffen in den Niederlanden bei dem wir vorher waren. Das scheint heute auch noch so zu sein.

Feen Con

Auch zur Feen Con ergab es sich so, dass Nobby keine Möglichkeit hatte, mitzukommen. Thomas und Daniel haben wir wohl nicht mehr gefragt und so machten Michael und ich uns auf den Weg zur Feen Con. Auf dem verregneten Weg durch die Wälder Bonns verfuhren wir uns so manches Mal und kamen irgendwann an einem beigebraunen Haus an, dass mich an einen Bahnhof erinnerte.

Auf der Feen Con haben wir hauptsächlich getauscht. Überall rannten Leute mit Blind Guardian T-Shirt und Rucksack rum, das waren die Magicspieler. Die ohne Rucksack waren Rollenspieler, die brauchte man nicht nach Tauschkarten zu fragen. Aber das war wirklich so frappierend, dass man irgendwen mit Rucksack anhauen konnte „hast du Tauschkarten dabei“ und man ganz selbstverständlich Karten tauschen konnte.

Neben den pre-Gothic-Mädels (alle ohne Rucksack) ist mir eine Tauschaktion im Keller des Gebäudes noch in Erinnerung, weil einer seinen Arabian Nights Mountain abgeben wollte und fünf Mark Tauschwert dafür ansetzte. Das war mir viel zu hoch, weil’s nur ein Mountain ist und ich keinen Mehrwert dafür sah. Michael meinte noch, das wäre doch was für mein Atog-Deck, aber wir kamen vom Tauschwert nicht so recht übereinander. Da ich ablehnte, tauschte er sich den Mountain an.

Auf besondere Standardländer lege ich auch heute keinen Wert. Später kamen noch andere Sondereditionen von Standardländern raus, wie beispielsweise die APAC-Lands, aber ich fand das nie erstrebenswert, besondere Basic lands zu haben.

Rat Con
Über die Treffen in der Eisenstrasse, Düsseldorf, lernten wir jemanden kennen, der uns sagte, dass er eine Rollenspiel und Magic-Con auch in der Nähe machen wollte. Er hatte sich auch schon einen Namen dafür ausgedacht. Da es in der Stadthalle Ratingen sein sollte, wollte er das „RatCon“ nennen. Das wäre auch gleich ein Wortspiel mit Ratten. Seitdem muss ich bei Rattendecks auch immer an diese seltsame Begegnung denken, denn er hatte auch noch ein Rattentribal mit Plague Rats.

Die RatCon 1995 sollte in der Stadthalle Ratingen stattfinden. Bei einer Con in der eigenen Stadt gibt es natürlich keine Frage, ob man dahin geht. Sogar Thomas und Daniel waren zu motivieren, wobei sie sich mehr für Rollenspiele interessiert haben als für Magic. Bei Michael und mir ging das eher in die Magic-Richtung. Ich kann mich leider nicht daran erinnern, was wir da genau gemacht haben; ich denke, wir haben die ganze Zeit nur Karten getauscht. So faszinierend wie die niederländischen Cons gefunden haben, war die RatCon noch in den Kinderschuhen. Richtig toll war das nicht für uns, aber Thomas und Daniel hatten leuchtende Augen.

Messe Essen
Zeitlich vorgreifend, aber thematisch passend ist, dass wir im Herbst auch die Essener Spieletage besuchten. Ich verrate so viel, dass ich gerade mit dem Studium begonnen hatte. Eine rothaarige Kommilitonin aus dem dritten Semester, die den Neuen bei der Orientierung als Patin zur Verfügung stand, traf ich in den Messehallen und sie interessierte sich ebenfalls für Spiele – sie war hauptsächlich wegen Siedler von Catan gekommen. Ich wollte ihr Magic zeigen, was wir IIRC in Halle 9.2 (oberer Teil der Halle 9) an einem einfachen Messestand ausprobieren konnten, der von Wizards selbst betrieben wurde. Weiteres entstand daraus nicht – sie fand Siedler toll, ich Magic, so war’s eben.

Auch auf der Messe hatte ich einen Tauschordner dabei und es gab auf freien Standflächen auch noch Spieltische, an denen man Spiele auspacken oder eben Magickarten tauschen konnte. Die Messegesellschaft hat in den späteren Jahren diese Flächen so zusammengelegt und mit Raumtrennern verborgen, dass sie die Tische weglassen konnten. Das nahm den Spieletagen den Aspekt des spontanen Ausprobierens und geht in die kommerzielle Richtung; Besucher sollen was kaufen und mit nach Hause tragen. Das finde ich nach wie vor sehr schade. Und ja, ich würde einen Euro mehr Eintritt zahlen, wenn es da auch noch Tische gäbe. (Statt dessen zahlt man jedes Jahr einen Euro mehr, damit weniger Kassen auf sind…)

Dieses „Siedler von Catan“ ging mir mächtig auf den Keks. Überall schlichen Leute mit Siedler-Taschen und quadratischen roten Spielekartons durch die Gänge und behinderten mich beim durchwuseln zum nächsten Tauschpartner. Siedler, Siedler, Siedler, die ganze Messe schien davon voll zu sein. Das interessierte mich nicht, ich wollte nur Magic.

An einem Tag traf ich spontan auf einem Gang in Halle 12, dort wo heute immer Amigo ist, Richard Garfield, den ich von Bildern aus der Duellist kannte. Ich sprach ihn an ob er Richard Garfield ist, lobte sein grossartiges Spiel und fragte ihn, ob er mir eine Karte signieren könnte. Wie der aussieht, das muss ich nachreichen, denn der ist natürlich unter strengsten Sicherheitsauflagen verschlossen.

Ich war jung und konnte eine Menge Tauschaktionen machen, aber irgendwann war ich tatsächlich erschöpft und zog mich auf einen grünen Teppich in Halle 9.2 zurück, wo kein Stand aufgebaut war. Ein umherlaufender Liverollenspieler in Gewandung verkaufte mir einen selbstgebastelten roten Lederbeutel, den ich fortan als Würfelbehälter nutzte. Magicspieler wurden eben von jedem als „der kauft alles“ eingestuft. 🙂

Durststrecken

In Bezug auf neue Sets war es 1995 sehr still. 1994 sind noch vier Erweiterungen plus ein neues Basisset erschienen, vor dem Hintergrund, dass wir noch keinen Grundstock von Karten besessen haben, sondern damit anfangen mussten, einen aufzubauen. Das empfanden wir als zu viel und Thomas führte insbesondere das Fallen-Empires-Fiasko dazu, dass er sich den rasch folgenden Sets nicht mehr anschliessen wollte und keine Karten mehr kaufen wollte. Sein Plan, folgende Sets aus den alten Karten einzutauschen, scheiterte aber daran, dass Fallen Empires, von denen er sehr viel hatte, nicht so wertvoll wurden, wie er das gerne gesehen hätte. Seine Tauschangebote dafür waren nicht marktgängig und durch geringen Umschlag wurde sein Tauschordner schnell uninteressant.

In dem Jahr, das für mich das „Jahr der Cons“ wurde, erschienen nur wenige neue Sets. Im Sommer kam Ice Age auf den Markt und im Herbst Homelands; die beiden Sets behandle ich später. Die restlichen Sets waren Reprints, was uns aber nicht vom Kaufen abhielt. Trotzdem waren Chronicles und Renaissance, beide enthielten Reprints von 1994er Sets, schnell langweilig und konnten auch keine neuen Deckideen inspirieren.

Im Gegensatz zu 1994 gab es 1995 also fast nichts neues und das deuteten einige Spieler als Zeichen dafür, dass es mit Magic bergab geht. „Magic ist tot“ sagten sie und verkauften alle Karten, um wenigstens noch was dafür zu bekommen. Damals war ich auch unsicher, denn die Argumente waren sinnvoll. Und wäre es gut, Geld in Pappkärtchen zu stecken? Was wäre, wenn das niemand mehr spielen würde? Meine Rollenspiele waren auch „wertlos“ geworden, weil ich keine Spielgruppe mehr hatte.

Magic ist tot – das würde mich eine lange Zeit begleiten…

Copyright-Line

Mit der vierten Edition wurde unter dem Artist noch eine Copyright-Zeile eingefügt, die aber noch nicht die Kartennummerierung enthielt, sondern einfach dokumentierte, dass die Bildrechte nun bei Wizards lagen und nicht beim Künstler. Spannend war, dass einige Spieler diese Änderung als Begründung angaben, mit Magic aufzuhören. Wenn da eine Copyright-Zeile steht, kann man das Spiel nicht mehr spielen.

Hm.

Renaissance und Chronicles

Vor dem Hintergrund des in Kürze erscheinenden „Modern Masters“ werden Chronicles und Renaissance noch mal interessant zu betrachten. Warum soll man ältere Karten nachdrucken und warum sollte man sie in Form von Boostern kaufen?

Chronicles entstand zufälligerweise ähnlich wie auch Modern Masters angekündigt wurde. Was man beobachten konnte, war, dass viele neue Spieler in dieser Zeit hinzugewonnen werden konnten. Die älteren Sets – insbesondere Legends war das Top-Produkt hier – waren zu schnell vergriffen um verfügbar zu sein. Da die darin enthaltenen Karten turnierrelevant waren, gab es ein von einigen Spielern als „unfair“ empfundenes Gefälle. Einige Spieler hatten Zugriff auf die stärkeren Karten, andere konnten sich diese nicht besorgen.

Wizards fühlte sich vermutlich auch deshalb verantwortlich, weil es bei der Verteilung der Legends-Displays „gute“ und „schlechte“ Displays gegeben hat, denn die Rare-Verteilung war nicht gleichmässig auf die geografischen Gebiete. Eine angebotene Umtauschaktion düfte daran nicht viel geändert haben.

Zweitens war Fallen Empires zu nennen, das die Designer so schwach gebaut hatten, dass es vom Markt nicht angenommen wurde. Gleichzeitig hatte die andere Seite im Vertrieb dafür gesorgt, dass die anfängliche Unterversorgung mit Displays nicht stattfand. Mussten die Shops beispielsweise 100 Displays The Dark bestellen, um 50 geliefert zu bekommen, gab es bei Fallen Empires erstmalig einen Print Run, der gross genug war, um den Bestellungen gerecht zu werden. Aus diesem Ungleichgewicht blieben Folgebestellungen entweder aus oder wurden geringer (Fallen Empires sorgte auch für Liquiditätsproblemen bei den Shops).

Aus heutiger Sicht erscheint mir Chronicles daher auch als zu seiner Zeit als genial zu empfindender Rettungsanker, um ein verkaufbares Produkt zu erstellen, dass das Vertrauen der Spieler wiedergewinnen kann.
Leider hatte es dafür ein denkbar schlechtes Timing, denn es kam sehr kurz nach Ice Age, quasi dem ersten richtigen Block-Set von Magic auf den Markt – und Ice Age konnte begeistern; und der im April 1995 durchgeführte Wechsel von Revised zu Fourth Edition kostete einige begehrte Karten (Duals, Sol Ring, Demonic Tutor, Regrowth), und Fourth Edition ersetzte das, abgesehen von Strip Mine nicht durch gute Karten, sondern höchstens durch gutes Aussehen (die Zeit blasser Revised-Karten wechselte zu deutlich farbigerem Layout).

In diese Zeit hinein platze Chronicles und bot ein paar richtig gute Reprints in seinen 12-Karten Boostern. Wem der weisse Rand kein Hinderungsgrund war, konnte auch endlich mit Dakkon Blackblade oder Nicol Bolas spielen. Aus Sicht der Spieler ist das angekommen, aber aus den Reaktionen der Kartenhändler in Amerika ruderte Wizards anschliessend zurück.

Es gab schon in den Anfangstagen einige grössere Händler, die sich auf den Sekundärmarkt mit Magickarten spezialisiert hatten – was mit der Baseballkarten-Tradition wohl nicht so ungewöhnlich ist, wie es aus deutscher Sicht aussieht. Die Händler übten Druck auf Wizards aus, weil sie sinkende Preise für die in Chronicles nachgedruckten Karten befürchtet oder beobachtet haben.

Insbesondere waren Killer Bees und Carrion Ants im Bereich von 40 Dollar und wurden in der Fourth Edition als Uncommons neu aufgelegt. Die Elder Dragon Legends waren vor ihrem Reprint in Chronicles ebenfalls begehrte Sammlerstücke – und bei einer Minderheit begehrt, die seltsame Decks bauten, in denen jede Karte nur einmal drin war, und die sie Elder Dragon Highlander nannten… nein, das war dann doch erst später. 😉

Jedenfalls gab es dann diese Reprint Policy und ich habe schon damals mit heftigstem Kopfschütteln auf dieses Announcement reagiert. Wie kann man sich so festlegen und sich von Sekundärhändlern rechtfertigen müssen? Auch als das Thema 2010 noch mal erneut geprüft wurde, war die Situation, aber nicht das Ergebnis anders. (Mister Garfield, tear down this Reserved List!)

Renaissance war nur eine Randnotiz in der Magicgeschichte. Dieses in unterschiedlicher Zusammensetzung in Italien und in Frankreich und Deutschland erschienene Set wurde hergestellt, damit die in der vierten Edition neu erschienenen Karten, die entsprechend in den Sprachen ebenfalls enthalten waren, auch in der Sprache als schwarzrandige Fassung zur Verfügung standen.

In Italien hatte man Legends und The Dark als vollständige Sets übersetzt. In Frankreich und Deutschland gab es diese Übersetzung nicht (rechtzeitig, würde ich ergänzen – was wäre das für ein geiles Produkt geworden). Die italienischen Renaissance hatten also die Antiquities und Arabian Nights Karten, die in der Fourth Edition aufgenommen wurden, das deutsche und französische Produkt beinhaltete ebenfalls die Karten aus Legends und The Dark. Ziel war anfangs, dass ausgleichende Sets erscheinen würden, um die Karten immer mit schwarzem Rand als limitierte Auflage zur Verfügung zu stellen.

Das wurde später fallen gelassen. Ich habe nicht nachgesehen, ob es einzelne Karten in bestimmten Sprachen gibt, die es nicht mit einer vorherigen limitierten Auflage gibt, aber wegen der Reprint Policy und den danach begonnenen Übersetzungen der Erweiterungen wurde das eventuell auch unnötig. Der schleichende Verkaufserfolg tat vermutlich das Übrige, damit diese Reprintsets nicht mehr eingeplant wurden.

Überhaupt haben Wizards anfangs viel ausprobiert und Aufwände auf sich genommen, die schwierig nachzuvollziehen sind. Das „Ausprobieren“ hält auch noch an, wer erinnert sich nicht gerne an die Repack-Aktion alter Karten in die erste Auflage der Zendikar-Booster.

Hätte man nicht Chronicles und Renaissance weglassen können? Wäre nicht das Übersetzen der knappen Sets und erneutes Release in den entsprechenden Ländern ausgleichend gewesen?
Ich stelle mir die gleiche Frage bei Modern Masters. Bei allem Hype, der eventuell auch noch Rechtfertigung finden wird, es gibt immer noch Produkt aus der Zeit 8. Edition bis Shards of Alara auf dem Markt. Wozu braucht man ein separates Set, dass nur Reprints enthält?

Da die angezielte Länge von 4000 Wörtern nicht mehr viel Raum lässt, und schon die Bilder mehr sagen als 1000 Wörter, folgen die weiteren Erinnerungen an 1995 im folgenden Teil; genügend zur Diskussion enthält dieses Kapitel bereits.

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3 Kommentare

  1. Hippy meint:

    Ah, meine Magic Geburtsstunde, auf der Messe Essen, da hätten wir uns ja schon da treffen können… Wir, ein Freund namens Stephan und ich, haben uns damals tatsächlich einfach mal so jeder einen Ice age starter gekauft, und uns die lustigen Regelbücher, die man ja jetzt sogar beim MKM verkaufen kann, durchgelesen, und uns das Spiel selbst beigebracht. Ich weiß noch, dass wir nicht lange gebraucht haben, um zu verstehen, dass man wohl mehr als den einen Starter braucht, um spielen zu können. Anstatt erbost das Geld vom Händler wegen dieses Betruges zurüchzufordern, brachten wir ihm immer mehr davon, bis unsere Portemonnaies leer und unsere Rucksäcke voller Karten waren. Ab da durfte ich mich dann wohl auch „Freak“ nennen. (Bei „Das Model und der Freak“ gab es ja schon einen Magicspieler, also jetzt nicht als Model….)

  2. DagonX meint:

    Puh, ganz schön lang diesmal.
    Übrigens schreibt man Silvester mit i und fourth mit u 🙂
    /Grammar Nazi off

    Das Zerstören der Karten, anstatt sie auf den FH zu werfen, tut ja schon beim Lesen weh D:<

  3. atog28 meint:

    Danke, habe ich korrigiert. Silvester mit „i“ ist aber langweilig. Andere Sprachen sind da kreativer. Nächstes Mal schreibe ich „Hogmanay„.

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